Die Geschichte eines jungen Fyros - Erster Teil

Die Nacht war gerade eingebrochen. Die letzten Sonnenstrahlen waren hinter dem Horizont verschwunden und mit ihnen war auch die beruhigende Wärme erloschen. In eine Decke gehüllt verfluchte Aetis seine Tollkühnheit. Hätte er nur nicht auf den alten Verrückten gehört! Im Westen entstand eine neue Welt? So ein Unfug! Vor lauter Sand sah man die Wüste nicht mehr. Keine Spur einer Zivilisation, und sei es auch nur die geringste!

Es waren schon fast fünf Monate vergangen, seit er seinen Clan verlassen hatte. Fünf Tage lang irrte er durch das Niemandsland auf der Suche nach der Straße des Exodus in die neuen Städte, die ein alter Reisender ihnen während einer rettenden Pause angegeben hatte.
- „Meine lieben Fyros Freunde, die Welt ist dabei zu heilen. Die Kitins wurden besiegt. Unser Volk ist dabei, sich einen Platz auf Atys zu schaffen“, kündigte er ihnen an, nachdem er sich satt gefressen hatte.

Die 15 Mitglieder des Clans lächelten mitleidig. Niemand konnte an solch eine Geschichte glauben. Jeder wusste, dass die Welt nur noch von Nomaden und kleinen Stämmen besiedelt war, die vom Jagen und Sammeln lebten. Keine Stadt hatte der Invasion der aus dem Untergeschoss des Planeten kommenden Monster Stand halten können. Doch niemand bezweifelte die Worte des alten Mannes offen. Es ist nichts ungewöhnliches, dass Männer ab einem bestimmten Alter den Verstand verlieren. Und auch wenn niemand an diese Geschichten glaubte, hörte jeder gerne zu und fühlte sich für kurze Zeit wieder wie ein Kind, das an wundervolle Welten glaubt.
Aetis hingegen hatte dem alten Mann geglaubt und als die anderen Mitglieder seines Stammes schliefen, war er zum Besucher gegangen und hatte ihm einen Haufen Fragen gestellt. Er war zutiefst von den Antworten fasziniert. Endlich hatte er einen Weg gefunden, seinem trägen und langweiligen Dasein ein Ende zu bereiten. Er würde ein Held werden. Er würde allen zeigen, dass er dazu in der Lage sei. Er würde den seinen beweisen, dass die Welt erneut aufleben würde.
Im Morgengrau versuchten seine Eltern, ihn davon abzuhalten. Doch er war stur wie ein Madakam und nichts und niemand konnte ihn von seiner Idee abbringen. Nicht sehr glücklich, aber von seiner baldigen Rückkehr überzeugt, gab man ihm eine Tasche mit Tarkodawurzeln zur Stärkung und eine Decke gegen die eisigen Nächte mit.
Sein Fortgang aus dem Lager wurde von Lästereien und Gelächter der anderen Jugendlichen begleitet. Nur der alte Fyros winkte ihm freundlich zu.

„Wenn ich jetzt umdrehe, mache ich mich bei allen lächerlich!“ sagte er sich und ballte die Fäuste.
Ein gewaltiger Sturm wehte durch die Nacht und die Sandkerne kratzten ihn im halb zugedeckten Gesicht.
Er hatte fast keinen Proviant mehr und wusste, dass er sich jetzt entscheiden musste: Umdrehen oder mit dem Gewissen weiter gehen, dass er ab da an nicht mehr genug zu essen hatte, um umzudrehen. Außer es würde ihm gelingen, noch einen dieser verfluchten Yubos mit dem Messer seines Vaters zu töten.
Schließlich schaffte er es doch noch, einzuschlafen und morgens stellte er voller Freude fest, dass der Wind sich gelegt hatte und die Sonne über Berg und Tal schien.
Er schlüpfte unter seiner Decke heraus und streckte sich. Plötzlich sah er einen Yubo. Er blieb stehen und betete, das Glück möge auf seiner Seite bleiben. Er senkte den Kopf und entdeckte einen großen Bernsteinwürfel in weniger als einem Meter Entfernung. Er beugte sich nach vorn und nahm den Bernstein sehr vorsichtig, damit er nicht vom Tier entdeckt wurde, das an einer harzigen Blume knabberte. Nachdem er den Würfel gut in der Hand hielt, rüstete er seinen Arm und schoss damit auf den Yubo. Auf halbem Flug zerbrach das Bernstein mit einem höllischen Lärm in tausend Stücke.
Aetis öffnete den Mund, doch er brachte kein Wort über die Lippen. Der Yubo machte sich sofort auf und davon.
„Werde ich verrückt?“ fragte er sich, als er das Unmögliche feststellte.
Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Das war der Anfang vom Ende. Die Sonne musste ihm zu Kopf gestiegen sein.
Hinter ihm ertönte ein leises Lachen. Er drehte sich um, sah aber niemanden.
Ein Gefühl aus Angst und Scham überkam ihm. „Ich bin verrückt!“ wiederholte er sich und glaubte erschreckt, so sterben zu müssen.
Das Gelächter ertönte erneut. Aetis schien mit einer schnellen Kopfbewegung eine eigenartige Form zu sehen, die sofort wieder verschwand.
- „Wer sind Sie?“ schrie er.
Ich darf die Kontrolle nicht verlieren, redete er sich ein. Es muss eine Erklärung geben.
- „Kommen Sie raus!“ entfuhr es ihm.
Eines war jedenfalls klar: Er war noch stark genug, um zu kämpfen. Er hörte sein Herz so laut klopfen, wie die Trommel seines Onkels Denarius.
Dann kam ein Wesen von knapp einem Meter aus dem Nichts und flog auf der Höhe seines Gesichts durch die Lüfte.
- Freut mich, junger Fyros, wie heißt du?
- Aetis, antwortete er, ohne zu verstehen was vor sich ging.
Ich bin verrückt geworden! Außer? Doch das war nicht denkbar. Keiner aus seinem Clan hatte jemals einen von ihnen gesehen. An den Wiederaufbau der Welt zu glauben, ja, aber an diese legendären Wesen?!
- Hab keine Angst, ich bin ein Freund deines Volkes, sagte das Wesen und lächelte ihm zu.
In seinem Mund stand kein Zahn mehr. Wie kaute er seine Nahrung? fragte Aetis sich und schüttelte den Kopf darüber, dass er sich so dumme Fragen stellte.
- Sind Sie ein Kami? fragte er, ohne zu sehr daran glauben zu wollen.
- So nennen die Homins uns in ihrer Sprache, antwortete der Kami.
Plötzlich verschwand er. Aetis rieb sich die Augen und erkannte, dass sein Bewusstsein ihn betrogen hatte. Doch dann zupfte jemand ihn am Ärmel. Er drehte sich um und erblickte den Kami.
- Wie ist das möglich?! fragte er unglaubwürdig.
Der Kami lächelte erneut.
- Es gibt so viele Dinge die du lernen und verlernen musst. Atys ist viel komplizierter als die Deinen es annehmen mögen. Wir, die Kamis, können Wunder vollbringen und wir sind bereit, sie mit Euch zu teilen, wenn Ihr uns Euer Vertrauen schenkt. Atys braucht junge Homins mit gutem Willen. Atys ist noch lange nicht geheilt. Wir zählen auf die jungen Generationen, um den Planeten wieder zu bevölkern und zu beleben.
- Können Sie mir beibringen, wie man verschwindet und wieder auftaucht? Aetis war fasziniert und zweifelte keinen Augenblick mehr daran, dass er etwas Wirkliches sah.
- Das und noch Vieles mehr. Doch Geduld du musst haben und arbeiten. Zahlreich sind die jungen Homins wie du, die ich habe nach Kaemon in die Lehre gebracht und die geworden sind nichts anderes als habgierige und machtsüchtige Taugenichtse.
- „Ich bin nicht so! Ich schwöre es Ihnen!“ schrie der Homin. Bitte, verlassen Sie mich nicht. Ich bin bereit alles zu tun, wenn Sie mich zu dieser Stadt bringen. Ich werde Ihnen beweisen, dass Sie Ihr Vertrauen zu Recht in mich gesetzt haben.
Der Kami flog zwei Meter in die Höhe und blickte auf ihn herab.
- Also gut, dann bereite dich auf eine lange Reise vor. Die nächste Stadt ist sehr weit von hier entfernt, meinte der Kami.
Aetis streckte die Brust heraus und schaute das fliegende Wesen stolz an.
- Ich bin bereit Ihnen bis ans Ende der Welt zu folgen. Ich werde allen Gefahren begegnen, rief er voller Begeisterung.
- Verliere nie diese Abenteuerlust, junger Fyros, denn du wirst schnell verstehen, dass das Leben sehr gefährlich sein kann – sowohl in den Städten als in entlegenen Gebieten.
Der Kami näherte sich Aetis im Schweben. Er schaute ihm tief in die Augen und fügte hinzu:
- Du wirst alle deine Kräfte für deine Lehre benötigen. Du hast Glück, dass ich auf dich getroffen bin. Du hättest Jahre lang so herum irren können, ohne dass einer von uns dich gefunden hätte. Auch werde ich dir einen langen Marsch ersparen und dich zu deinem Ziel teleportieren.
- Teleportieren? fragte Aetis.
Er kannte diesen Ausdruck aus Märchen, doch ein seltsames Gefühl überkam ihn. Sich an einem Ort auflösen, um hunderte Kilometer entfernt wieder aufzutauchen? Trotz der Hitze lief es ihm eiskalt den Rücken herunter.
- Hast du Angst?
- Nein, sagte Aetis, nicht ganz überzeugt. Ich bin bereit.
Der Kami lächelte und spürte die Angst des jungen Fyros. Er machte eine Geste und auf ein Mal schien der Boden um Aetis zu verschwinden. Doch sehr schnell wurde Aetis’ Sicht wieder klar. Tränen flossen aus seinen Augen und liefen ihm die Wangen herunter.
In der Nähe lag ein kleines Dorf. Baustellen. Homins wie er. Das war unglaublich! Er hatte es geschafft! Er war ein Held. Jemand klopfte ihm auf die Schulter. Er stieß einen erstaunten Schrei aus. Ein weibliches Lachen war die Antwort. Neben im stand eine junge Fyros.
- „Du Neuer musst lernen, diskreter zu sein, wenn du überleben willst“, sagte sie und zeigte auf einen Capryni, der sie böse anschaute.
- Diese Pflanzenfresser sind sehr bösartig, wenn sie sich angegriffen fühlen!
Aetis hob den Kopf. Er war nicht in der Lage, einen Ton von sich zu geben.
- Komm mit, du musst mit Boethus Cekian sprechen. Er wird dir vieles erklären und du musst noch viel lernen, ehe du in die großen Städte kannst.
Eine Brise Wind erfrischte ihm die Gedanken.
- Ein neues Leben wartet hier auf mich, dachte er und stieg zum Turm hinab.

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