Hiaoi, Sucherin von Elias

Erster Teil

Guten Tag. Heute haben wir einen ganz besonderen Termin, denn ich darf Ihnen nicht sagen, wo ich bin. Die Person, mit der wir verabredet sind, hat dem Treffen unter der Bedingung eingewilligt, anonym zu bleiben, denn sie will von ihrer Gilde, der Gilde des Elias, erzählen.

Wer sind Sie?
Nennen Sie mich Hiaoi. Als Mitglied der Gilde von Elias darf ich meine wahre Identität leider nicht Preis geben, denn unsere Gilde ist im Zorai-Gebiet noch immer verboten.

Was machen Sie im Leben?
Ich bin Hausiererin. Durch meinen Beruf bin ich ständig auf Achse, um neue Lebensmittel zu finden und meine Waren zu verkaufen. Durch meine Reisen bin ich gleichzeitig „Sucherin von Elias“ in meiner Gilde.

Was ist eine „Sucherin von Elias“?
Die Sucher von Elias sind gleichzeitig Boten und Informateure. Sehen Sie, die Gilde des Elias ist sehr auf Atys zerstreut und versucht, sich so diskret wie möglich zu verhalten, seit die Karavan sie verbieten ließ. Deshalb braucht die Gilde Homins wie mich, die unauffällig Nachrichten von einem Gebiet zum anderen überbringen. Da ich regelmäßig von einem Land ins nächste reise, informiere ich die Gilde auch über die politische und religiöse Entwicklung jeder der großen Nationen.
Die Sucher sind die Augen und Ohren des Elias.

Sie sagten, die Gilde müsse diskret bleiben? Es schien mir, als gäbe es eine gewisse Toleranz…
In den Tryker und Fyros Gebieten vielleicht… Sie verstehen unseren Willen, die Wahrheit heraus zu finden. Und auch wenn sie uns trotzdem nicht unterstützen, haben sie uns keinen erbarmungslosen Krieg erklärt. Bei den Matis hingegen wurde das Verbot aus dem Jahre 2504 nie aufgehoben. Und auch wenn ihre Gier auf Scheiterhaufen nachgelassen hat, verfolgen sie uns noch immer im Namen der heiligen Karavan. Was meine Heimat angeht… es ist nicht sehr bekannt, doch wir sind auch dort nicht willkommen. Die wirklichen Probleme haben unter dem Wahn des Fung-Tun begonnen. Wir haben versucht, etwas gegen die Sklaventreiberei zu unternehmen. Doch Fung-Tun tolerierte weder unsere Idee der Gleichheit der Völker noch unseren Widerstand gegen sein Regime und er massakrierte uns im Namen Ma-Duks. Die Weisen sind heute noch schlecht auf uns zu sprechen. Ihnen gefällt unsere Idee einer einzigen Hominheit nicht und sie sehen das Zorai-Volk noch immer als Auserwählte der Kami an.

Eine einzige Hominheit? Ist das das Motto der Gilde?
Ja, in gewisser Weise schon. Wir glauben, dass die Homins die einzig wahre Kraft auf Atys sind. Jena und Ma-Duk sind nur Hochstapler. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich den Tag miterlebe, an dem die Homins ihr Schicksal in die Hand nehmen und es nicht mehr in die Hände eines falschen Gottes legen. Eines Tages, und das weiß ich, wird Elias zurückkehren, um die Homins zu befreien und ihnen den wahren Weg zu zeigen, den Weg des freien Willens.

Sie verwerfen also Ma-Duk und Jena… ist Elias ihr Gott?
Schwer zu sagen. Manche von uns glauben das. Sie sehen den wahren Schöpfer in Elias und für sie sind Ma-Duk und Jena minderwertige Götter oder Hochstapler. Andere denken, es sei ein Homin wie jeder andere auch, der die Gilde im Hintergrund führt. Noch andere glauben, dass es sich um einen Homin aus den alten Landen handelt, der eine mächtige und geheimnisvolle Technologie beherrscht… Ich glaube, das spielt alles keine Rolle. Ich bin der Gilde nicht Elias Willen beigetreten, sondern ihrer Ideale wegen. Wenn ich höre, wie meine Kameraden sich in endlosen Gesprächen aufregen, frage ich mich, ob Elias nicht ein von den Alten erfundener Mythos ist, damit die Homins die Hoffnung während der Kitinkriege nicht verloren. Ich denke auch, dass die Karavan deshalb Jena und die Kamis Ma-Duk erfunden haben, um ihre Kontrolle über uns zu rechtfertigen… Doch wenigstens nutzen wir Elias nicht, um uns eine Überlegenheitssituation gegenüber den Homin-Völkern zu verschaffen!

Verzeihen Sie mir die Indiskretion, doch viele „Ereignisse“ haben gezeigt, dass Sie zahlreiche Informationen über manche Homins sammeln. Um welche Informationen handelt es sich und wozu dienen sie?
Hm, diese Informationen sind dazu da, in der Bevölkerung Individuen auszumachen, die der Gilde dienen könnten. Wir beobachten, welche Homins Einfluss haben, was sie machen, wo sie wohnen…

Aber?! Das ist ja Spionage!
Das wäre es, wenn wir diese Informationen falsch benutzen würden! Wir wollen nur die Umstände einschätzen, um uns besser zu schützen und jenen, die es verdienen, die Möglichkeit zu bieten, unserer Gilde beizutreten. Wenn Sie mir die Wörter im Mund verdrehen, bin ich mir nicht sicher, dass es in meinem Interesse ist, das Interview fortzuführen.

Ich lief Hiaoi nach, um sie zurück zu halten. Sie sagte mir genervt, sie hätte zu tun, doch wenn es unbedingt sein müsse, könnten wir in zwei Tagen weiter machen.

Zweiter Teil

Wir haben uns also zwei Tage später wieder getroffen, um das Interview in Ruhe zu beenden. Um sie nicht erneut zu ärgern, beschloss ich mit einem neutraleren Thema weiter zu machen.

Wie haben Sie den Entschluss gefasst, der Gilde des Elias beizutreten?
Ich bin der Gilde 2506 beigetreten. Meine Schwester war schon seit langem Mitglied. Doch… sie starb 2504 bei dem Versuch, ein Tryker-Mitglied vor den Sklaventreibern Fung-Tuns zu verteidigen. Am darauf folgenden Tag haben Homins uns mitgeteilt, sie sei von Ma-Duk bestraft worden, da sie die Gesetze seines Vertreters, dem Großen Weisen Fung-Tun, gebrochen hatte. Meine Schwester war nicht das einzige Opfer… Durch die Herrschaft von Fung-Tu wurde mir bewusst, welche Gefahr die Fanatiker darstellten. Deshalb habe ich zwei Jahre nach ihrem Tod beschlossen, ihren Weg zu gehen.

Wie haben Sie von der Gilde des Elias erfahren?
Die erste Person, die mir von Elias erzählte, war unser Nachbar. Er reiste viel umher und besuchte uns jedes Mal nach seiner Rückkehr, um uns von seinen Reisen zu erzählen. Ich war noch sehr klein, doch ich liebte seine Geschichten. Und eines Tages erwähnte er Elias. Meine Mutter, eine überzeugte Kamistin, war nicht sehr glücklich darüber, Elias’ Namen zu hören und versuchte jedes Mal, das Gespräch zu unterbrechen. Ich achtete damals nicht darauf, doch das weckte die Neugier meiner Schwester umso mehr. Als ich beschloss, der Gilde beizutreten, suchte ich den Kontakt zu ihm. Ich dachte mir, dass er meiner Schwester geholfen hatte in die Gilde zu kommen. Ich brauchte jedoch zwei Jahre, um ihn zu finden, denn er war vor der Verfolgung geflüchtet, die dem Widerstand der Gilde gegen die Sklaverei gefolgt war. Doch ich habe es nie bereut.

Wie tritt man der Gilde bei?
Naja, es sind nicht Sie, die der Gilde beitreten, sondern die Gilde sucht Sie auf. Zu ihren Gründungszeiten rekrutierte die Gilde jeden Freiwilligen, doch mit den zunehmenden Spannungen zwischen den Kami und den Karavan, kann die Gilde nicht mehr jeden aufnehmen. Das Risiko einer erneuten Verfolgung zu einem Zeitpunkt da die Homins uns am meisten brauchen ist zu hoch. Wenn ein Homin uns geeignet scheint, treten wir in Kontakt. Wenn er interessiert scheint, erlauben wir ihm, in die Lehre der Gilde zu gehen. Und wenn er danach noch immer interessiert ist, geben wir ihm den Posten, auf dem er am nützlichsten ist.
Doch wir schränken unsere Rekrutierung etwas ein, um uns nicht zu auffällig zu machen. Doch wir benötigen mehr denn je Sympathisanten, um die Nachricht des Elias zu verbreiten. Ich hoffe, diese Unterhaltung ermöglicht den Homins, uns besser kennen zu lernen und war das Risiko wert, das ich auf mich genommen habe, um heute mit Ihnen zu sprechen.

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