Nung Horongi: In den Splittern des Bernsteins

Added by Salazar over 9 years ago

Nung Horongi: In den Splittern des Bernsteins

von Salazar Caradini

Einleitung

Bernstein. Der Boden unserer Welt ist voll davon. Große Mengen von Bernstein liegen unter der Oberfläche verborgen, entziehen sich unserem Blick. Wir müssen graben, um ihn zu finden. Erst, wenn wir den Bernstein in der Hand halten, können wir seine Schönheit beurteilen – seine Farbe, milchiges Gelb oder ein klarer Honigton oder Grün mit silbrigen Sprenkeln, oder ein Insekt oder ein Blatt darin gefangen für immer. Wir erfreuen uns daran, dass die Flügel des eingeschlossenen Käfers nie aufhören werden, irisierend zu schimmern, und wir verschwenden keinen Gedanken daran, dass der Vorfall, der uns Vergnügen bereitet, dem Käfer den Tod gebracht hat.

Erst, wenn wir den Bernstein gefunden haben, können wir seine Qualität bewerten – ihn in einer Waffe verbauen oder zu einem Schmuckstück formen, ihn schmelzen oder verbrennen oder unsere größten Geheimnisse, unsere wertvollsten Erinnerungen, unsere wichtigsten Erkenntnisse oder die Schrecken eines Lebens in einem Bernsteinwürfel auf ewig verwahren, so wie die Natur den kleinen Käfer darin verwahrt hat.

Wir starren hinein in den Bernstein, sehen den Käfer und nicht unsere Gesichter, zur Fratze verformt, als Reflektion auf der polierten Oberfläche. Wir blicken auf den Bernsteinwürfel, und nur, wenn wir danach suchen, erkennen wir das Muster seines Verfassers, den Fingerabdruck, auf dem gesprochenen oder geschriebenen Wort.

Kapitel I

Um die Umstände nicht der Geburt Nung Horongis, aber doch der Verhältnisse festzuhalten, in die er geboren wurde, ist es unerläßlich, die philosophische Umwelt, die Gesellschaft abzubilden, in die er hineingeboren wurde und in der er aufgewachsen ist.

Die Natur der Zorai gleicht einerseits der der Matis in dem Bestreben, ein größtmögliches Wissen der Welt zu erlangen, die uns umgibt. Sie unterscheidet sich jedoch beträchtlich in den Mitteln, die zur Erlangung dieses Wissens angewendet werden. Die Prinzipien der Wissenschaft, wie sie unter Matis seit jeher Anwendung finden, weichen unter Zorai einem rein spirituellen Erleuchtungsstreben. In ihrer Annäherung an die Natur haben sie bemerkenswerte Erkenntnisse gewonnen, aber waren nicht in der Lage, diese zu vertiefen, weil ihnen die Anwendung exakter Wissenschaften als ein Eingriff in die natürliche Entwicklung erscheint. Matis andererseits haben ihre perfekte Harmonie mit der Natur durch eben die Anwendung exakter Wissenschaft erreicht und wären noch weiter gelangt, hätte die Rücksicht auf religiöse Gefühle und beträchtlicher politischer Widerstand dies nicht unterbunden.

Gerade das Matis-Streben nach exakten Erkenntnissen hat uns als getreueste Gefolgschaft unser aller Göttin Jena gefestigt, indem wir akribisch alle Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Tatsachen und philosophischen wie wissenschaftlichen Alternativen erörtert und diskutiert haben. Außer in der Zeit Jinovitchs galt in Matia auch in den Alten Landen die Freiheit des Denkens, die eine große und großartige philosophische Schule hervorgebracht hat, die sich das Recht des Zweifels herausnehmen konnte und doch immer wieder in den Schoß Jenas zurückgekehrt ist. Die Zorai hingegen, die sich dem Glauben an Ma-Duk erst spät zugewandt haben, mögen aus einer Unsicherheit resultierend aus dem Umsturz aller ihrer früheren philosophischen Modelle und aus dem relativ plötzlichen Erheben einer abweichlerischen Sekte zur Staatsreligion heraus differierende Ansichten als potentielle Bedrohung ihres fragilen Staatssystems betrachtet und daher besonders restriktiv verfolgt und sogar unterdrückt haben. Um junge, besonders begabte Zorai dem „schädlichen Einfluß“ freien Denkens zu entziehen, ließ der Große Weise diese dem regulären Schulbetrieb entnehmen, um sie in gesonderten, dem Staatsapparat angepaßten linientreuen Bildungsanstalten unter dem direkten Einfluß der religiösen Staatsträger in ein idealisiertes, philosophisch geschlossen erscheinendes System einzupassen.

Dies war die Welt, in die Nung Horongi geboren wurde. Dies war die Welt, in der die Familie Horongi um Einfluß rang und doch gleichzeitig als separatistisch angesehen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde. Dies war die Welt, die Nung eine Maske gab.

(to be continued)


Replies

RE: Nung Horongi: In den Splittern des Bernsteins - Added by Salazar over 9 years ago

(Fortsetzung)

"Die Kamis haben sich den Legenden nach im Jahre 2200 den Zorai der Cho-Dynastie offenbart. In diesen Jahren wurde unserem Volk auch die Maske gegeben."

"Als die Kamis sich erstmals offenbarten, waren sie nicht einmal zur Sprache fähig. Sie waren wie Tiere, die mit magischen Kräften ausgestattet sind. Wie konnten die Homins ahnen, dass es ein Wesen gibt, dass sich Ma-Duk nennt?" - Nung Horongi

Tatsächlich ahnten die Homins nichts dergleichen. Die genauen Umstände, die zur ersten Masken-Zeremonie führten, sind unbekannt; ebenso jedwede mögliche Erklärung dafür, wie es der Cho-Dynastie gelang, sich mit den Kami zu verständigen oder der Grund dafür, dass sich die Kami überhaupt nur den Mitgliedern des Hauses Cho zu erkennen gegeben haben. Tatsächlich betrachteten die Zorai die Kami als Diener Jenas, die damals die gemeinsame Göttin aller Homins gewesen ist: „Dass Jena und Ma-Duk nicht dasselbe sind, offenbarte sich erst einige Jahrzehnte später, als es zum ersten Konflikt kam, von dem die Geschichte erzählt.“

"Ich gehöre zur Dynastie der Horongi. Unsere Familie war schon immer den Cho ein Dorn im Auge, denn wir glaubten nicht an ihre Führerschaft, ja nicht einmal an die Führerschaft der Kami über die Zorai. Wir galten vielleicht nicht als Außenseiter, aber als eine Familie, die man lieber von der Herrschaft fernhielt – was die Chos auch sehr gründlich taten." - Nung Horongi

Es ist heute nicht mehr nachzuprüfen, wie subtil oder unsubtil, ob oder ob nicht sich die Dynastie der Cho im alten Zoran an der Macht festgeklammert hat, wobei sicherlich durch die Begünstigung der Kami der Weise der Cho eine beträchtliche Stärkung seiner Position erfuhr. Als sicher darf jedoch angesehen werden, dass eine Dynastie, die offen die Ansprüche eines sich erst aus traditionell praktizierter Religion abgesonderen, plötzlich zur eigentlichen Schöpfungsmacht erklärten Staatskultes in Zweifel zog, bei der herrschenden Klasse auf deutliche Ablehnung, bei Teilen der verunsicherten Bevölkerung jedoch durchaus auf Zustimmung treffen musste.

Eine Eigenschaft, die scheinbar der Dynastie der Horongi zueigen gewesen ist, war die der Neugier. Ein unbändiges Interesse an der greifbaren Welt, die sie umgab, prädestinierte sie auch dafür, den Pfaden der Wissenschaft zu folgen: „Ob wir der Wissenschaft zugetan waren? Ja, immer wieder. Solange die Erinnerungen zurückreichen. Wir wollten schon immer Grenzen überschreiten.“

(to be continued)