Fragmente

Added by Salazar over 9 years ago

„Nebel steigt auf über Jen-Lai. Wie ein giftiges Miasma bedeckt er mehr und mehr von der üppigen Vegetation der Verdorrenden Lande, verhüllt Dinge, die kein Weiser zu erklären vermag. Besorgt blicken die Zorai den dicken Schwaden nach und fragen sich, was jene Schleier den Augen auch der Aufmerksamsten entziehen. Herden von Tieren, die man hier nie oder selten gesehen hat, wandern in einem scheinbar ewigen Kreis von Außenposten zu Außenposten, zu den neuralischen Punkten der Rinde, unter denen sich seit jeher die Sapknoten des Reiches jener, die sich selbst der Erleuchtung so nahe fühlen, liegen. Knotige Wurzeln brechen überall hervor und lassen den Wanderer dort straucheln, wo er vertrauten Boden unter erprobten Füßen wähnte. Der Himmel wird verdunkelt von ihren unendlich größeren Geschwistern, die fett angeschwollen sich mehr und mehr der Rinde zuzuwenden scheinen. Schon kann man dichten Bewuchs auf ihrem Rücken erkennen. Ob sie wohl bewohnt sind? Die Antwort könnten die Zorai früher herausfinden, als es ihnen lieb ist.“

Der schlanke, ernste Matis taucht seine Feder in die violette Tinte, die das bernsteinerne Faß nur noch zur Hälfte füllt, und schreibt weiter.

„In der Zwischenzeit mögen sie sich über die Yelks wundern, die, wie von einem unerklärlichen Wahnsinn befallen, jeden Homin attackieren, der ihren Weg zu kreuzen wagt. Sie mögen grübeln über jenen finsteren Homin ihres eigenen Geblüts, der um die Außenposten schleicht und Hand an die Bohrer legt, auch wenn deren Besitzer nicht bemerken können, dass sich an dem Profit, den ihr Grund und Boden abwirft, etwas verändert hat. Die jüngeren Zorai zucken mit den Schultern, die Törichten unter ihnen messen all dem keine Bedeutung bei. Die Älteren beten zu ihrem Götzen und hoffen darauf, dass die Kami den großen Weisen Mabreka-Cho erleuchten werden, damit er die Dinge auch ohne ihre Hilfe ins rechte Lot bringt. Doch so groß ist Mabreka-Chos Weisheit, dass er sich an die Homins selbst wendet, und groß mag auch sein Schmerz darüber sein, dass die Kinder seines eigenen Landes mit stumpfen Gesichtern, kalten Herzen und leeren Köpfen darauf hoffen, dass sich alles von alleine zum Guten wendet. Die Kinder der Seen waren da, als er um Hilfe bat; aus der Wüste waren einige gekommen, um seinen Worten zu lauschen; die Königliche Akademie und der Adel aus dem Reich der Wälder reichte eine helfende Hand. Doch seine eigenen Kinder, alle, bis auf einen, verweigern ihre Gefolgschaft.“

Eine erneute Unterbrechung, ein erneutes Eintauchen, und wieder kratzt die Feder über das Papier, tanzt einen präzisen, so leichtfüßig wie schrittgenauen Tanz, um es mit Schriftzeichen zu bedecken, an der auch ein geübter Kalligraph sein Gefallen gefunden hätte.

„Liccio Chialdo, der den königlichen Botaniker Cuiccio Perinia vertrat, legte die bei den jüngsten Forschungen der Akademie gewonnenen Erkenntnisse dar, die gemeinsam mit der Karte Nuzanshi Ri-Jians zwar die Veränderungen dokumentierten, aber keine präzisen Rückschlüsse auf Ursache und Folgen zugelassen haben. Auch Wissenschaft braucht Zeit, doch ist es gerade die Zeit, die knapp zu werden scheint. Immerhin werden die Außenposten nun bewacht, so dass ein Übeltäter selbst im Dunkel der Nacht und im Schutze des Nebels nur sehr schwer seinem finsteren Tun nachzugehen vermag. Ist es wirklich eine Lösung, die Yelks zu bejagen? Ist dies nicht ein verzweifeltes Ringen mit Symptomen, während die Ursache mit der Kraft eines urzeitlichen Slaveni langsam, aber sicher das Land zu erdrosseln droht? Aber vielleicht beruhigt Zorai seine Kinder mit Taten, mit der Illusion von Erfolgen, während der Weise betet und träumt und auf die Eingaben Ma-Duks hofft.“

Pause. Feder, Tinte, Papier.

„Ich beneide Mabreka-Cho nicht. Längst haben viele seiner Kinder mehr Gefallen daran gefunden, das Goo zu ernten und in den Drogenhöhlen Zoras jungen Initianten und desillusionierten Maskenträgern zu verkaufen, als sich dessen Bekämpfung zu widmen. Längst mag der Glaube der Zorai nicht mehr sein als eine sinnentleerte Option auf die Ewigkeit der Seele, ein merkantiles Hoffen auf die Gnade einer Gottheit, die sie nicht vor einer Dunkelheit schützt, welche den Himmel mehr und mehr verbirgt, und die den Nebel und die fremden Lichter und die tollwütigen Bestien über ein Land kriechen lässt, das dem Lichte Jenas schon so lange abgeschworen hat.“

Ein letztes Pausieren, ein Studium des Geschriebenen. Korrekturen hie und da? Nein. Der Kopf wird leicht geschüttelt, dann weiße Asche über das Blatt gestreut, um die Tinte zu trocknen. Der schlanke Matis mit den ernsten Zügen bläst die Asche herunter und setzt nach einem Augenblick, wie als nachträglichen Gedanken, schwungvoll seine Unterschrift auf das Dokument:

„Salazar Caradini
Filira Matia
Erster Seraph des heiligen Ordens der Argo Navis
Im Jahre Jenas 2553“